Hell sirrende Linien

Zeichnung, Fotogafie, Laserinstallation – eine Ausstellung im Kunstverein Heidenheim vom 30. Januar bis 4. März 2016

 

Einladungskarte Heidenheim

 

 

Eröffnungsrede

 

Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kunstfreunde!

 

Mit der Laser-Installation, die diesen Raum mit uns teilt, begegnen wir Kunst nicht wie gewohnt als einem anderswo hergestellten und in diesen Räumen ausgestellten Produkt, sondern erleben eine Kunst im Augenblick, in der einzigen Zeit, wo sie selber lebt, für uns – um danach wieder zu schweigen, sich zurückzuziehen in die Verborgenheit, oder wie immer wir das nennen wollen.

 

Der Sinn dieser etwas philosophisch-poetischen Überlegung soll sein, Ihnen bewusst zu machen, dass wir hier eine Kunst besonderer Art erleben, in welcher sich Kunst und Betrachter sozusagen auf Augenhöhe begegnen, was ihre beiderseitige Präsenz und Begegnung in Zeit und Raum angeht. Und das spüren Sie ja auch: Hier ist nicht einfach etwas da, ein Objekt, das wir ansteuern, vor dem wir verweilen und von dem wir uns wieder abwenden können, sondern hier geschieht etwas und wir sind in dieses Geschehen miteinbezogen. Wir erleben eine lebendige Gegenwart von Licht, Farbe und Energie oder – um an dieser Stelle den von Rainer Plum gewählten Titel dieser Ausstellung ins Spiel zu bringen – wir erleben, sehen, fühlen „hell sirrende Linien“ – eine pointierte, zugleich schlichte poetische Beschreibung, die gleichwohl das, was hier geschieht – mit dem Licht, mit uns – nur streift, wohl nur andeuten möchte.

 

Kommen wir den Intentionen des Künstlers ein Stück näher über ein Zitat, welches er den Erläuterungen zu seiner künstlerischen Arbeit auf seiner Webseite vorangestellt hat. Es ist dies ein Satz des bedeutenden Konstruktivisten und Bauhaus-Lehrers Lazlo Moholy-Nagy:

 

„Die vitale Konstruktivität ist die Erscheinungsform des Lebens und das Prinzip aller menschlichen und kosmischen Entfaltungen. In die Kunst umgesetzt bedeutet sie heute die Aktivierung des Raumes mittels dynamisch konstruierter Kraftsysteme….“

 

Der erste der beiden Sätze greift weit aus, so weit, wie es weiter gar nicht geht. Er enthält ein ganzes Weltbild unter Einschluss der Rolle des Menschen darin. Der zweite Satz benennt hierauf bezogen die heutige Möglichkeit und Zielrichtung der Kunst: Wie das universelle Leben sich durch die ihm inhärente Dynamik entfaltet, so ist auch für die Kunst, auf den technischen Fortschritt aufbauend, der Zeitpunkt gekommen dieses dynamisch-konstruktive Prinzip zu thematisieren. Moholy-Nagys Bestreben, angeregt durch den technischen Fortschritt, die Lebensphilosophie und das Werk Kasimir Malevichs, ging dahin, dem Künstler eine neue Funktion zuzuweisen, welche für ihn nicht zuletzt auch darin bestand, die zur Automatisierung und bloßen Reproduktion tendierende Verwertung der Technik umzugestalten im Sinn eines freien und kreativen Umgangs mit ihr. Als ganz wesentlich galt Moholy-Nagy auch die künstlerische Thematisierung des Lichts – so prophezeite er in einem Manifest, dass das elektrische Licht eine gänzlich neuartige Kunst hervorbringen werde, wofür er mit seinem seit 1922 entwickelten Licht-Raum-Modulator sozusagen den Beweis antrat und, rückschauend betrachtet, damit das erste kinetische und das erste Licht-Kunst-Werk schuf.

 

Vielleicht werden jetzt schon gewisse Zusammenhänge zwischen den Ansichten und Bestrebungen Moholy-Nagys und der Arbeit Rainer Plums, wie wir sie hier erleben, erkennbar. Die Erfahrung des Vitalen, der Lebendigkeit des Kosmos und unserer eigenen, die Erfahrung lebendiger Präsenz überhaupt, des Konstruktiven, die Erfahrung der Dynamik von Zeit und Raum und Licht- das sind die substanziellen Scharnierstellen, über welche sich Rainer Plum mit Moholy-Nagy verbunden sehen kann. Seine Laserinstallationen spricht er bewusst, so in der Werkbeschreibung auf seiner Webseite, als „Licht-/Rauminstallationen an, die sich direkt auf den realen Raum, auf die Raumarchitektur beziehen und die im Gegensatz zu den Bildern und Skulpturen begehbar sind.“ Er bezieht sich, wenn er hier von Bildern spricht, auf solche Bilder, wie er sie seit 1978, mit Eintritt in die Klasse von Gerhard Hoehme an der Kunstakademie in Düsseldorf zu malen bzw. herzustellen begann. In diesen Bildern thematisierte er das Verhältnis des Bildes zur Wand und zum Raum, löste das rechtwinklige Bildformat auf und strebte über die Struktur des Farbauftrags und die Rhythmisierung der Fläche eine Bildräumlichkeit an, die „dem realen Raum entflieht und eine Gegenwelt setzt“, und weiter „Im Laufe der Arbeit konzentrieren sich die Bilder auf ein inneres Zentrum von dem aus sich das Bild öffnet bzw. regelrecht ausbricht.“ Um dieses Zentrum – er bezeichnete es auch als Energiezentrum – noch stärker wahrnehmbar zu machen, tat er ab 1982 den Schritt vom Bild zum Plastisch-Skulpturalen. In der damals entstandenen Werkgruppe, Titel: Bildwerke, was ja allgemein auch eine gängige Bezeichnung für Skulptur ist, arbeitete er mit Holz und Farbe organisch wirkende skulpturale Elemente aus der Fläche heraus, und zwar in der Absicht, die Beziehung zwischen Werk und Betrachter stärker zu dynamisieren, „Der Blick ist dauernd in Bewegung. Er verlässt sogar die Skulptur, weist über sie hinaus und kehrt wieder zu ihr zurück. Durch Bewegung und Farbe löse ich die Körperlichkeit der Skulptur auf. Sie entmaterialisiert sich und ich habe die Empfindung, dass die Skulptur zu schweben scheint.“ Entmaterialisierung, Bewegung, Farbe und Energie waren für ihn seit 1986 dann Anlass sich wieder verstärkt dem Medium der Malerei zuzuwenden, einer elementaren, sensibel-tastenden Malerei, über welche er das Bild, dieses dabei ständig drehend mit den Händen in großen Fleckenformen schichtenweise aufbaute bis ein Gleichgewicht aller Elemente und eine überzeugende Präsenz erreicht war.  Zitat: “Das Bild seht in ständiger Spannung von Bewegung und Ruhe, von Setzen und Wegnehmen, von Auflösen und Erscheinen, von Materie und Energie.“ Auf diese flächig-malerischen Artikulationen folgen schließlich ab Anfang der 90er Jahre Zeichnungen und Radierungen, die sein Anliegen innerhalt der klassischen Medien – Zeichnung, Malerei, Skulptur – nach seiner eigenen Einschätzung am konzentriertesten zum Ausdruck bringen. Eine Reihe dieser Zeichnungen neben Fotos sind hier in der Etage über uns ausgestellt und seien Ihnen zur intensiven Betrachtung empfohlen, denn hier erleben Sie sozusagen den ursprünglichen Pulsschlag seiner Kunst. Vom Vorgang her ähnlich wie in der vorausgegangenen Malerei entsteht auch hier über ein langsam ertastendes Zeichnen und unter ständiger Drehung des Blatts eine „räumliche Konstellation von Linienelementen die sich zum einen als bildhafte Energielinien zeigen und zum anderen als in sich ruhende Linienräume……Der schöpferische Prozess ist vergleichbar mit dem Sichtbarmachen eines Körpers und dessen Auflösung im Rhythmus der Linienelemente bzw. dessen Auflösung in Energie.“

 

Wie die Zitate Ihnen deutlich machen, besitzt Rainer Plum eine bemerkenswerte Fähigkeit die Prozesse seiner künstlerischen Arbeit zu reflektieren und zu verbalisieren. Man kann ihn sich bestens als Lehrer in dem Fach vorstellen, welches er als Professor an der Fachhochschule Aachen – University of Applied Sciences – im Fachbereich Gestaltung vertritt, nämlich das Fach: Methodenlehre der visuellen Darstellung. Diese Fähigkeit war übrigens schon frühzeitig, zu Anfang seines Studiums an der Kunstakademie in Düsseldorf zu bemerken. Seinerzeit überschnitten sich dort seine und meine Studienzeit in der Klasse von Gerhard Hoehme und ich habe beobachten können, wie er kontinuierlich, immer gesprächsbereit und mit seltener Gelassenheit des Gemüts sein künstlerisches Konzept zu entwickeln begann. Jederzeit entspannte, freundliche und unterhaltsame Gespräche über das, was er gerade in Arbeit hatte, sind mir bestens in Erinnerung. Typisch auch, wie nachhaltig er Impulsen nachging, die er für die Entwicklung seiner Kunst als wichtig erachtete, dafür steht für mich insbesondere seine Begegnung und wiederholte Treffen mit dem Maler Raimer Jochims, dessen reflektierte künstlerische Vorgehensweise der seinigen sehr nahesteht.

 

Abschließend möchte ich noch einmal auf die Laserinstallationen zu sprechen kommen. Sie gehören, wenn man sie kunstwissenschaftlich verorten möchte, in den Bereich der Lichtkunst, welche sich seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts mehr und mehr zu einer eigenständigen Kategorie innerhalb der bildkünstlerischen Medien entwickelt hat. Als wesentliche Protagonisten, welche die Arbeit mit dem Medium Licht innovativ vorantrieben – sei dies nun das natürliche Sonnenlicht oder auch Kunstlicht – wäre hier zu nennen: die Düsseldorfer Künstlergruppe Zero, die Amerikaner Dan Flavin, Keith Sonnier sowie James Turrell. Hinzu kamen im weiteren Verlauf Künstler, in deren Werk Licht im Rahmen eines weitere wesentliche Aspekte einschließenden Konzepts eine wichtige Rolle spielt, so etwas bei Francois Morellet, Bruce Nauman, Jenny Holzer, Chistian Boltanski, Olafur Eliasson und Mischa Kuball. Die genannten Künstler stehen für einen weitgespannten Bogen von Intentionen: von konstruktivem Minimalismus über sinnlich-metaphysische Wahrnehmung von Natur bis hin zu sozialpolitischen Interventionen im öffentlichen Raum. Das hierbei hauptsächlich verwendete Medium neben Scheinwerfern ist Neon-Licht – Laser-Licht begegnet so gut wie gar nicht – was seine Ursache darin haben dürfte, dass die Anwendung dieser Lichttechnik mit ihrem fraglos spektakulären Potenzial sich aus Sicht der Künstler allzusehr im Unterhaltungssektor verfangen hat. Für Rainer Plum, der hier offenbar keine Berührungsängste kennt, stellt sie allerdings das ideale Medium dar um das bildnerische Element der Linie als kraftvolle Energielinie im realen Raum wirksam zu machen, in welchem sie sich als Lichtzeichnung entfalten kann. In diesem Lichtraum sind wir selbst gegenwärtig, befinden uns mitten darin, werden, indem wir uns darin bewegen, unsererseits zur Projektionsfläche für das Licht.

 

Beginnend mit „Laserskulpturen“ ab 1991, hat er seit 1994 – wenn ich richtig gezählt habe – 25 Laserinstallationen, vorwiegend im öffentlichen Raum realisiert, so z.B. in der Dortmunder Reinoldi-Kirche, im Gasometer Oberhausen, im Foyer der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main und in der Arena auf Schalke, um es mal standesgemäß auszudrücken. Seine hiesige Installation befindet sich also, wie Sie sehen, in illustrer Gesellschaft. Die Möglichkeit einer Außeninstallation, die sich der Kunstverein natürlich gewünscht hätte, war aus sicherheitstechnischen Gründen leider nicht gegeben. Mit zwei Zitaten, seine Laserarbeiten betreffend, welche seine Intentionen bei der Verwendung dieser Technik in schönster Weise auf den Punkt bringen, möchte ich schließen:

 

„Die Materialität des realen Raumes wird durch die Bewegung und die Immaterialität des Laserlichtes in Frage gestellt und die festgefügten Raumteile beginnen zu schwingen. Sie werden in eine neue Lebendigkeit überführt und das Werk ist ständig dem Wandel von Auflösen und Erscheinen unterworfen…… Das Sehen wird zur Schau einer unbegrenzten energie- und lichthaften Beziehung.  Meine Vision ist, energiegeladene ZeitRäume zu verwirklichen, in denen Vergangenheit und Zukunft gegenwärtig koinzidieren, unaufhörlich auf dem Weg, der neue Zeiträume erschließt.“

 

 

Kunstverein Heidenheim 30.01.2016

 

Karl-Heinz Stufft-Fischer